Wolfgang Winkler

"An einem Dienstagabend" - Projekt, Backstage, Erinnerungen

18. 8 2019

Teile dieses Aufsatzes wurden bereits im Buch „Innenräume – Außenräume“. Dimensionen der Musik. Brucknerhaus 1974 bis 2004 anlässlich 30 Jahre Brucknerhaus veröffentlicht. Grundsätzliche Fragestellungen zur Klangwolke seien also hier teilweise wiederholt, allerdings ergänzt durch meine Erinnerungen, die ich mir in 30 Jahren Klangwolke entweder auf Seiten des ORF, mit dem Brucknerhaus zusammenarbeitend, oder auf Seiten des Brucknerhauses mit dem ORF gemeinsam erwerben konnte. Der Einzige, der mich bei allen Klangwolken in seiner Funktion als kaufmännischer Direktor der LIVA immer begleitet hat, ist mein Kollege Wolfgang Lehner. Alle anderen Persönlichkeiten, die rund um das Projekt Wichtiges beigetragen haben, sind und waren Partner auf Zeit.

„Forum Metall“ und „Forum Design“, beide getragen von der Persönlichkeit von Helmuth Gsöllpointner, dem ersten Rektor der Kunsthochschule und heutigen Kunstuniversität in Linz, das Brucknerhaus und das Internationale Brucknerfest sind die Begriffe, die in den 70er- und 80er-Jahren das Image der Stadt entscheidend veränderten.

Die Entscheidungsträger, Ideenbringer und Mitglieder der zahlreichen Diskussionsrunden über den Inhalt von Ars Electronica und Klangwolke waren Dr. Leopoldseder, Intendant des Landesstudios OÖ des ORF, Dr. Stadlmayr und Dr. Kubin als Vorstandsdirektoren der LIVA, Hubert Bognermayr und Ulli A. Rützel, die ein Elektronik-Symposium organisieren wollten und so die Idee einbrachten, Dr. Herbert W. Franke, einer der Pioniere der Aufarbeitung von Kunst und Technik, und natürlich Walter Haupt, der mit seiner „Musik für eine Landschaft“, aufgeführt in Weißenstein in Bayern, Hannes Leopoldseder aufgefallen war und schließlich zum Klang­architekten für die ersten zehn Jahre der Linzer Klangwolke wurde.

Die Geschichte der Entstehung der Linzer Klangwolke und die ersten zehn Jahre hat Dr. Hannes Leopoldseder 1988 in seinem Buch „Linzer Klangwolke“1 beschrieben:
„Ich suche aber noch immer nach einer Idee zu einem spektakulären Eröffnungsakt der Ars Electronica. Der Zufall kommt mir zu Hilfe. Herbert W. Franke nennt mir den Namen Walter Haupt, den er zum Symposium im ORF-Studio einladen möchte. Wir haben aber bereits zu viele Teilnehmer. Zwei Tage später erhalte ich einen Brief von Walter Haupt aus München mit einer Biographie. Walter Haupt, Komponist, Regisseur, Dirigent und Leiter der von ihm 1969 gegründeten Experimentierbühne an der Bayerischen Staatsoper München, führt in seiner Künstlerbiographie verschiedene Werke und Kompositionen an, mein Interesse gilt vor allem zwei Zeilen: ,Musik für eine Landschaft – Tausende Zuhörer bei einem neuen Hörerlebnis in Weißenstein.‘ ... Am 25. April 1979 kommen Walter Haupt und seine engste Mitarbeiterin, Rosemarie Nistler, zum ersten Mal nach Linz ins ORF Landesstudio. Unser Zusammentreffen wird von Anfang an zu einer äußerst fruchtbaren Ideendiskussion. Von zwei Uhr nachmittags bis in die späten Abendstunden sitzen wir bei Kaffee, später bei einer Flasche Slibowitz und lassen die Phantasie spielen. Walter Haupt erzählt begeistert von seiner Idee zu ,Musik für eine Landschaft‘, ein Projekt, das er 1973 in der kleinen Stadt Weißenstein auf der Alb in Baden-Württemberg durchgeführt hat. ,Heraus aus dem Konzertsaal, hinein in die Landschaft‘ stellt Walter Haupt als These an die Spitze.“
 
Aus Zeitmangel, zwischen Auftrag und dem Festival waren nur mehr wenige Monate, wurde es kein Auftragswerk, sondern man wählte nach reiflichen Erwägungen eine Symphonie von Anton Bruckner aus. Das Werk Bruckners hatte und hat einen großen Stellenwert in Oberösterreich und diese Werkwahl war vielleicht mit ein Umstand, dass sich daraus der Begriff des Symphonischen Open Airs entwickelte. Live mit einem Orchester zu spielen, kam aus Mangel an Erfahrungen und in der kurzen Zeit, die noch verblieb, nicht infrage, so begann die Suche nach einem abspielbaren Band. Von einer Plattenfirma bekamen wir die 8. Symphonie von Anton Bruckner, gespielt vom Concertgebouw Orchester Amsterdam unter der Leitung von
Bernard Haitink, zur Verfügung gestellt.

Die viel bestaunten 20.000 Watt Leistung im Jahre 1979, die sich schon bei der ersten Klangwolke als eine untere Grenze erwiesen, bedenkt man die 100.000 Besucher dieser Klangwolke, wurden in den folgenden Jahren Schritt für Schritt den technischen Gegebenheiten angepasst und erreichen heute ein Volumen von ca. 250.000 Watt. Das Wesentliche dabei war nicht so sehr die Vermehrung der Leistung als vielmehr die Gestaltung des Klanges. Die Entwicklung eines Raumklanges und dessen Gestaltung waren wesentliche Entwicklungen, die im technischen Bereich durch das Projekt der Klangwolke möglich wurden. Die Leistungen der ORF-Technikcrew Walter Marterer, Gernot Gökler und Hubert Hawel und ihrer Kollegen Florian Camerer und Alois Hummer sowie der Firma Pro Show haben internationale Qualität und waren in vielen Bereichen pionierhaft und beispielgebend, denkt man nur z. B. an Dolby Surround im freien Raum.

Der Ballon, der 1979 die Klangwolke symbolisierte und im letzten Satz der Symphonie eine Beute des Publikums wurde, war der Ausgangspunkt aller Visualisierungen, die später folgen sollten. 1980 das Symbol für die Sky Art Conference von Otto Piene, dann das Funkenwolkenfeuer von Bernhard Luginbühl, um hier nur die ersten Inszenierungen zu nennen. Die Stilmittel waren Laser, Licht, Feuerwerk, Schiffe, Dias und Videos. Von Anfang an erwies sich der Raum  des Donauparks als eine Herausforderung an den Regisseur, die die meisten unterschätzten. Mit seiner Länge von 1,5 Kilometer von Brücke zu Brücke, mit der Breite der Donau von nahezu 300 Metern war für die Klangwolke eine Bühne gegeben, die in dieser Form nirgendwo ein Vorbild hatte. Kein Wunder, wenn das Herangehen an Lösungen jedes Jahr Neuland war. Als Persönlichkeit dominierend war in den ersten Jahren natürlich Walter Haupt, der sich nicht nur mit dem ORF gemeinsam um die stete Verbesserung des Klanges im Raum bemühte, sondern der auch in Sachen Visualisierung entscheidende Impulse setzte.

Abgesehen davon wurde die Klangwolke in diesen ersten Jahren zum Symbol für Linz und die Kultur dieser Stadt. Sie war das Bindeglied zwischen Ars Electronica und Brucknerfest und sie wurde vom Publikum als ein Teil des Brucknerfestes aufgefasst. Viele Aussagen gingen dahin, dass man ohnehin bei der Ars Electronica gewesen sei, man sei schließlich bei der Klangwolke gewesen. Ob nun die Ars Electronica als Biennale veranstaltet oder das Klangwolken-Weekend ab 1985 – Klassische Klangwolke und Visualisierte Klangwolke wurden an zwei Tagen aufgeführt – eingeführt wurde, sie blieb immer ein Teil des Festivals der Ars Electronica. Selbst als sich das Festival 1996 vom Brucknerhaus löste und die Ars Electronica ihr eigenes Gebäude am Brückenkopf in Linz bekam, blieb im Bewusstsein der Linzer die Klangwolke zur Ars gehörig.

Die Ausstrahlung der Klangwolke besteht in der Mischung von Experiment und populären
Inhalten. Nur populäre Musik mit Feuerwerk würde unweigerlich sehr rasch zu einem „son et lumière“-artigen Spektakel führen, das zwar leicht von einer breiten Masse akzeptiert wird, aber der Intention der Klangwolke entgegensteht. Aus dieser Polarität ergibt sich die Spannung des Projektes, aber auch sein stetes Risiko.

Und so begann es.
An einem Dienstagabend, 18. September 1979, 19:59:30, Studio Oberösterreich des ORF.
30 Sekunden vor dem Beginn der Linzer Klangwolke. Direkt übertragen über das Radio, damit die Linzer ihre Radios ins Fenster stellen können und die richtige Musik empfangen. Die
8. Symphonie von Anton Bruckner, gespielt vom Concertgebouw Orchester Amsterdam unter der Leitung von Bernard Haitink.
Nicht live, sondern im Studio lag ein Acht-Spur-Band der Plattenfirma. Vier Spuren waren eine herkömmliche Aufnahme der Musik, vier Spuren, 5–8, waren vershattert, das heißt elektronisch verändert, wie es eigentlich einer Ars Electronica, einem Festival der elektronischen Kunst
geziemt hätte. Nur, wer wusste damals schon, was Ars Electronica bedeutet?
Der Laptop wurde gerade in Amerika geboren und man versuchte, dieses neue Gerät auf den Markt zu bringen. Computer waren bis dahin Großrechenanlagen, die von meist weiß gekleideten Männern bedient wurden, die wiederum große Bänder bearbeiteten, deren Inhalt ohnehin niemand verstand. Dass schon damals entscheidende Parameter menschlicher Existenz auf  diesen Bändern gespeichert waren, war nicht Allgemeinwissen.
Und mit solchen Geräten sollte man auch künstlerisch denken und arbeiten können?
Es war fast niemandem bewusst, dass schon lange versucht wurde, mithilfe der Rechenanlagen die Musik, beispielsweise von Johann Sebastian Bach, nachzumachen. Die diesbezüglichen
Resultate eines Lejaren Hiller waren zwiespältig. Lejaren Arthur Hiller (23. Februar 1924, New York City – 26. Januar 1994, Buffalo, New York) war ein amerikanischer Komponist, der das experimentelle Musikstudio an der University of Illinois in Urbana-Champaign 1958 gründete und die erste bedeutende Computer-Musik-Komposition, 1957 die Illiac Suite, mit Leonard
Isaacson komponierte und technisch umsetzte. Technik, Kunst und Musik waren allerdings schon viel früher eine enge Beziehung eingegangen. Denken wir nur an John Cage, Pierre
Schaeffer, Pierre Henry und andere mehr.

Es war also 30 Sekunden vor dem großen Ereignis. Alles war bereit, ganz Linz war beim Brucknerhaus versammelt und fieberte den ersten Tönen entgegen. Im Studio waren nur der Tonmeister Franz Kiesl und meine Wenigkeit. Plötzlich fragte mich Franz Kiesl, welche der Spuren wir nun wirklich spielen sollten. Diese Frage zu diesem Zeitpunkt brachte mich doch aus der Fassung. Es war alles besprochen und vereinbart. Diese letzte Rückversicherung Franz Kiesls brachte mich ins Stottern. Nach schier endlosen Sekunden sagte ich: 1–4! Die Sendung und damit die Klangwolke begann, und wir beide hörten gespannt auf die ersten Töne, Bruckner oder nur fast Bruckner?

Es erklang Bruckner und damit war die Klangwolke geboren. Nicht auszudenken, wie die
Geschichte verlaufen wäre, hätten wir in den Sekunden vor 20 Uhr die falsche Entscheidung getroffen.

Linz 1979

Nach 1945 blieben Linz, außer dem schalen Geschmack der Geschichte, die Voest, ein ruiniertes Landestheater und ein kleines Orchester, das gegründet worden war um vor 1945 zum Reichsrundfunkorchester zu werden. Nachher waren weder Reich noch Rundfunk vorhanden. Linz wurde zur Industriestadt und den wirtschaftlichen Umständen entsprechend waren kulturelle Anliegen zumindest anfangs sekundär.

Heike Merschitzka schrieb in ihrer Diplomarbeit über die Linzer Klangwolke unter dem Titel „Vom Kunstexperiment zur Spektakelkunst“2 zur Entwicklung der Stadt Linz: „Es dauerte 15 Jahre, ehe man die Lähmung aus der Vergangenheit vollends abzuschütteln vermochte und die Stadtväter sich um ein neues Image für die Stadt bemühten. Bauwerke sollten Zeichen erfolgreicher Wirtschaftsentwicklung und erhöhten Lebenskomforts sein. Seit 1960 wurde innerhalb weniger Jahre eine Universität gegründet, das Brucknerhaus erbaut und das Musikfestival Brucknerfest ins Leben gerufen.“

Als Gegengewicht zur Industriestadt Linz entwickelte sich ein kleines, sehr in sich abgeschlossenes Bürgertum mit allen Anzeichen traditionellen Kulturverhaltens.
Klassische Musik mit bekannten Orchestern und berühmten Dirigenten, nichts, was neu wäre. Damit musste notgedrungen Linz das Image der zwar rasch wachsenden Industriestadt, aber mit speziell provinziellem Anspruch kreieren. Den LinzerInnen war diese Entwicklung durchaus bewusst und sie litten auch darunter.

Merschitzka weiter: „In Linz erkannte man die Notwendigkeit, dem Image der Industriestadt eine Alternative entgegenzusetzen. Durch innovative kulturelle Veranstaltungen sollte das einengende Korsett der Nur-Industriestadt mit nur traditionellem Musikangebot – sieht man von aufsehenerregenden Ausnahmen der Künstlervereinigung MAERZ ab – gelockert und die
Attraktivität der Stadt als qualitativ hochwertiger Lebensraum gehoben werden. 1976 begann die Linzer Kulturverwaltung die umfassende Erhebung der kulturellen Bedürfnisse der Region zu planen, die dann ab 1978 als Projekt ,Kulturversuch Linz‘ durchgeführt wurde. Vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst, der Oberösterreichischen Kammer für Arbeiter und Angestellte und der Stadt Linz finanziert, war das zentrale Ziel der Studie, wie Ingo Mörth
bemerkte, dass neue Wege der Kulturpolitik auf kommunaler Ebene konzipiert und erprobt und so Modelle für eine moderne Kulturarbeit entwickelt werden sollten!“

Es war in Linz das Bewusstsein vorhanden, dass Linz nicht nur im geografischen Sinne, sondern auch in der Wertschätzung des Rests von Österreich und allenfalls der umliegenden Länder eine Stadt zwischen Wien und Salzburg war. Wien, der wirtschaftliche und vor allem kulturelle Wasserkopf des kleinen Österreich, auf der einen Seite und Salzburg als historisch entstandene Sommerfrische der Wiener auf der anderen Seite trugen nicht gerade zum Selbstbewusstsein der dazwischen tümpelnden Linzer bei. Das Festival der Ars Electronica sollte zu einem zukünftigen, eigenständigen Image der Stadt beitragen. Die Klangwolke wiederum war 1979 als das Projekt gedacht, das zwischen einer noch ziemlich unverständlichen Materie der Ars Elec­tronica und dem zitierten traditionellen Bewusstsein der Linzer vermitteln sollte.

Bruckner also als Open Air. Die Verwirrung traditioneller musikinteressierter Kreise rund um Eugen Jochum ist mittlerweile Geschichte.

Haupt und Winkler

Hannes Leopoldseder suchte also eine Verbindung zweier so konträrer Inhalte wie Ars und Brucknerfest. Er fand sie in Walter Haupt, Bayer in der speziellen Abart der Münchner, Schlagzeuger des Münchner Opernorchesters, der sich einen ständigen Substituten bezahlte. Vor allem aber Komponist und kreativer Kopf jenseits des Klischees von Komponisten. Der offene Raum hatte es ihm schon vor Linz angetan. Seine „Musik für eine Landschaft“ war es letztlich auch, die die Verbindung mit Linz herstellte. Hannes Leopoldseder und Walter Haupt, stets begleitet von seiner Organisationshilfe, Muse, ständigen Begleiterin und späteren Ehefrau Rosi Nistler, dachten also intensiv über ein Projekt im offenen Raum nach und die Linzer Klangwolke war das Ergebnis. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbst, gerade frisch von Leopoldseder für den ORF eingefangen, ausschließlich im operativen Bereich tätig, was sich nach der ersten Klangwolke sehr rasch änderte. Die Diskussionen unter der Leitung von Hannes Leopoldseder zwischen Haupt und mir würden wahrscheinlich leicht eine Anekdotensammlung füllen. Die Arbeit bei der Klangwolke war aber klar strukturiert. Das technische Know-how und die Entwicklung des Klanges im offenen Raum über Quadrophonie bis hin zum modernen 5.1-Verfahren lagen und liegen in den Händen des Landesstudios Oberösterreich und da im speziellen Fall anfangs bei Walter Matterer, dem technischen Leiter, relativ kurzfristig bei Gernot Gökler und nun schon lange Jahre bei Hubert Hawel.

Dieses Team entwickelte eine spezielle Klangtechnik für einen solch großen Raum. Es war eine logische Folge, dass sich viele Ereignisse und Konzerte dieser Art später überall in der Welt entwickelten, die sich die Erfahrungen von Linz zunutze machten.
Ich selbst war der Aufnahmeleiter, also der, der für die musikalischen Details bei der Aufnahme zuständig war. Über Leitungen wurde dieser Klang zu den Lautsprechern im offenen Raum übertragen und Walter Haupt war der Klangregisseur im Donaupark.

In dieser Rolle erlangte er in den zehn Jahren der Zusammenarbeit legendäre Berühmtheit in Linz. Walter Haupt stand immer am Container, in dem die Technik im Donaupark untergebracht war, vor einem Notenpult und dirigierte die Symphonie. Dabei sagte er in meiner Tonkammer im Brucknerhaus immer seine Wünsche sehr publikumswirksam durch. Das Publikum konnte aber nicht wissen, dass aufgrund der Technik solche Anweisungen letztlich immer zu spät kommen mussten. Wir schickten einen Klang aus dem Brucknerhaus hinaus, der von außen nicht mehr geändert werden konnte.

So war die Aufführung – die Sichtweise ist dabei auf Walter Haupt gerichtet – immer auch Show für das Publikum. Die wirkliche Arbeit am Klang geschah in den Proben in den Tagen vorher.
Die Klangwolke hatte so eine realistische Ähnlichkeit mit der Arbeit eines Dirigenten mit seinem Orchester.

Anlässlich der zehnten Linzer Klangwolke bekam Walter Haupt den Kompositionsauftrag für die Klangwolken-Symphonie. Damit konnte er sein Konzept einer eigens für die Klangwolke komponierten Musik erstmals wirklich umsetzen. Haupt komponierte eine Symphonie für vier Orchestergruppen, die je nach Dramaturgie der Komposition einzeln oder gemeinsam ein Gesamtklang­ergebnis hervorbrachten. Diese Komposition wurde mit dem RSO unter Leitung von Walter Haupt im Studio in Wien eingespielt. Walter Haupt dirigierte, um eine höchstmögliche rhythmische Exaktheit zu erreichen, mit Kopfhörern. Hubert Hawel und ich stellten im Anschluss in sechswöchiger Arbeit diese Aufnahmen im Studio für die Klangwolke fertig.

Aus heutiger Erinnerung kann ich dazu sagen, und Hubert Hawel stimmt mir zu, dass diese
Arbeit wohl zu den schwierigsten gehörte, die man als Aufnahmeleiter und Tonmeister erleben konnte. Dagegen waren 19 Jahre Arbeit bei den Salzburger Festspielen mit allen Größen dieser Zeit geradezu leicht. Vier Orchestergruppen rhythmisch so genau übereinanderzustellen, war die Herausforderung.

Pannen

Unter den vielen Mitarbeitern ist ein Mann noch gesondert hervorzuheben: Gerhard Blöchl. Es war seine persönliche Note, immer den Anschein zu erwecken, als ginge ihn das Funktionieren der Technik nichts an, er war aber oft genug der, der in scheinbar ausweglosen Situationen provozierend ruhig das Problem löste. Beispielsweise bei jener Klangwolke, bei der fünf Minuten vor dem Beginn kein Strom vorhanden war und sozusagen „nichts mehr ging“. Mit der Bemerkung auf den Lippen, dass es ohnehin Zeit werde, dass irgendwann einmal nichts mehr ginge, löste er das Problem. Und das nicht nur einmal.

Eine andere Komponente, die uns alle bei der Klangwolke immer wieder beschäftigte und auch weiter beschäftigen wird, ist das Wetter – ein wesentlicher Parameter eines Open-Air-Ereignis­ses. Aus den Erfahrungen der Klangwolken kann man sagen, dass der Unterschied zwischen Regen und schönem Abendwetter mit bis zu 40.000 Besuchern anzusetzen ist.
Schon die zweite Klangwolke, die erste Klangwolke mit dem live spielenden BOL unter Theodor Guschlbauer und der 4. Symphonie von Anton Bruckner, stand fast vor der Absage, aus Witterungsgründen. Letztlich entschieden Horst Stadlmayr als Generaldirektor der LIVA und Hannes Leopoldseder als Intendant des Landesstudios OÖ des ORF, es einfach zu riskieren.

Das Wetter war also alle Jahre immer wieder die entscheidende Frage. Das Argument, das vielerorts geäußert wurde, dass man ja das Wetter ohnehin nicht beeinflussen könne und es daher letztlich egal wäre, ob es regnet oder nicht, stimmt für den Veranstalter nicht. Man plant nicht ein ganzes Jahr mit den Künstlern, mit der Technik, um ein so großes Projekt auf die Beine zu bringen, damit es am entscheidenden Abend im Regen nicht zu dem Erfolg werden kann, der für alle wünschenswert ist. Und das ist der Punkt, der auch die Aufregung erzeugt. Die Flugwetterwarte Hörsching wurde zum treuen Verbündeten. Dank moderner Technologie kann das Wetter heute schon sehr präzise, zumindest für die nächsten zwei Tage, vorausgesagt werden. An einem Abend hingen tiefschwarze Wolken über dem Donaupark und es war nur eine Frage der Zeit, wann ein großes Gewitter losgehen würde. Meine Frage an die Flugwetterwarte zu diesem Umstand wurde einfach beantwortet: „Wenn Sie den Finger heben und Sie spüren keinen Wind, regnet es auch nicht. Wenn Sie einen Wind spüren, ist der Regen innerhalb von zehn Minuten da!“

Nur scheinbar mit dem Wetter hing die bisher einzig notwendig gewordene Absage einer Klangwolke zusammen. Für Samstag, 1. September 2001 war die Klangwolke „Harmonices Mundi – Von der Harmonie der Welt“ mit der Musik von Christian Muthspiel und in der Visualisierung von Hans Hoffer geplant. Hans Hoffer hatte auf einem Schiff einen großen metallenen Rahmen konstruieren lassen, der mit winddurchlässigem Segeltuch auch wirklich ein Symbol für ein großes Segelschiff war. Dieses Segel wurde auf dem Schiff nach Regieanweisung vor und zurück bewegt und seitlich auch noch gedreht. Das alles funktionierte bei der Generalprobe am Donnerstag davor scheinbar hervorragend. Am Freitagmorgen wurde ich in aller Früh zum Donauufer gebeten, denn es sei ein Unglück passiert. Zu diesem Zeitpunkt war in Linz generell regnerisches Wetter und am Donauufer ein relativ starker Wind zu verspüren, daher war die Interpretation, dass der Wind das Segel beschädigt haben könnte, zumindest für den Moment naheliegend. Es stellte sich heraus, dass der Metallrahmen einfach abgeknickt war. Metallurgen erklärten diesen Bruch mit dem molekularen „Weißwerden“ des Metalls. Das heißt, wenn Beschleunigungs- und Bremskräfte über eine gewisse Grenze hinausgehen, zerfällt die molekulare Struktur des Metalls und es zerbricht bei geringfügiger Belastung. Eine sofort einberufene Sitzung mit allen Beteiligten musste notgedrungen mit der Frage beginnen: „Ist dieser Bruch noch zu reparieren?“ Die Antwort war: „Nein!“

Nach intensiver Diskussion mit Muthspiel und Hoffer musste ich zu dem Schluss kommen, dass die Klangwolke in der gegebenen Zeit nicht mehr machbar ist, und ich musste sie daher absagen. Mit nichts erreicht man ein so umfassendes Medieninteresse wie mit schlechten
Nachrichten. Ein langwieriger Prozess über finanzielle Schadenswiedergutmachung folgte.
Die Klangwolke von Christian Muthspiel und Hans Hoffer wurde 2002 wiederholt.

Nicht zu den Pannen gehört natürlich das Kapitel der nicht durchgeführten Klangwolkenprojekte. Sie würden eine eigene Untersuchung rechtfertigen. Es waren hochinteressante, spannende, visionäre Projekte darunter, die aus Gründen der Technik, aus finanziellen Gründen oder ganz pragmatisch aus organisatorischen Gründen nicht machbar waren.

Und da wäre noch seitens des ORF Gisela Schreiner zu nennen, die jedes Jahr auf dem Dach des Brucknerhauses während der Klangwolke ihren Arbeitstisch bekam und an diesem sitzend versuchte, die Klangwolke irgendwie in das Radio zu transferieren, das heißt, dem Hörer ein Bild von den Geschehnissen im Donaupark in seinen Kopf zu vermitteln – eine schwierige Aufgabe.

Ausblicke

Das Projekt Linzer Klangwolke war Pionierarbeit und für sehr viele andere Veranstalter immer wieder Anregung. Würde man alle Projekte, die zur Stunde in der Warteschleife sind und die in nächster Zeit entschieden gehören, aneinanderreihen, hätte man Klangwolkenprojekte bis 2014. Das Interesse von Künstlern und Musikern an einer musikdramatischen Umsetzung eines Inhaltes in diesem unglaublich großen Theaterraum ist groß. Die Schwierigkeiten, diesen Raum inszenatorisch zu meistern, liegen letztlich in den einzelnen Stilmitteln, wie Feuer, Wasser, Laser, Schiffe, Kräne und anderem mehr, und in der banalen, aber leider sehr wahren Tatsache, dass jegliche Steigerung der Wirkung auf Besucher mit einer exponentiellen Verteuerung des Projektes einhergeht. Die Klangwolke ist für Linz zu einem künstlerischen Wahrzeichen geworden. Trotzdem wird man darüber nachdenken müssen, wie man dieses Leitprojekt der Open-Air-Stadt Linz neu ausrichtet und weiterentwickelt.

Literatur:
1 Hannes Leopoldseder, Linzer Klangwolke, Kunsterlebnis zwischen Himmel und Erde. Die Geschichte eines Markenzeichens, Edition Christian Brandstätter, Wien, 1. Auflage 1988.
2 Heike Merschitzka, Vom Kunstexperiment zur Spektakelkunst. Eine kritische Bestandsaufnahme des Kulturereignisses „Linzer Klangwolke“ von seinen Anfängen bis 1995. Diplomarbeit, Wien 1996.

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